Für zahlreiche ÖsterreicherInnen sind die laufenden Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, vor allem aber deren Umgang damit, der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und sie zum Kirchenaustritt bewegt. Für die Heilige Mutter Kirche ist das selbstverständlich schmerzhaft, schließlich geht es um die Vormachtstellung im Staat und die Dominanz des öffentlichen Lebens (was beides relativiert wird, je weniger “Vorsprung” die r.k. Kirche auf die anderen Religionsgemeinschaften hat). Außerdem gehen wertvolle KirchenbeitragszahlerInnen verloren.
So bemüht sich die katholische Kirche, dagegen anzukämpfen. Was freichlich schon deshalb schwer ist, da jede ehrliche Bemühung der österreichischen Bischöfe, so wenig es davon auch gibt, von einem Vatikan der die Wörter “weltfremd” und “reaktionär” völlig neu definiert, untergraben wird. Auch die Bestellung der ehemaligen steirischen Frau Landeshauptmann, Waltraud Klasnic (ÖVP, Vorsitzende des katholischen Dachverbands Hospiz Österreich und der Freunde des Grazer Priesterseminars), zur (angeblich) unabhängigen Täter Kirchen Opferschutzanwältin, wurde außer von den Bischöfen selbst, gerade einmal von der Laieninitiative, einer Gruppe von ÖVP-PolitikerInnen, begrüßt.
Nun ist zur Osterzeit die Kirche in Österreich ohnehin permanent präsent, und wäre nicht wieder der Vatikan mit antisemitischer Relativierung und totaler Verleugnung dazwischen gekommen, hätte es medial ein durchaus angenehmens Wochenende für die Kirche werden können. So bleiben der Kirche nur die eigenen Kanäle, um Imagekorrektur zu betreiben. Da kommt es gelegen, wenn man auf einen Medienkonzern wie die Styria zurückgreifen kann. Diese im Besitz der Diözese Graz-Seckau befindliche Medienmacht ist in Österreich vor allem in der Steiermark und in Kärnten durch die “Kleine Zeitung” präsent, die in etwa so kirchenkritisch ist wie das “Sonntagsblatt” (auch ein Printprodukt der Diözese Graz-Seckau). Die “Kleine” bringt am heutigen Ostersonntag folgendes Gedicht auf der Titelseite:
NICHT MUTIG
Die Mutigen wissen
Daß sie nicht auferstehen
Daß kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Daß sie nichts mehr erinnern
Niemandem wiederbegegnen
Daß nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit
Keine Folter
Ich
Bin nicht mutig.
Ich denke man muss schon relativ katholisch (oder religiös) sein, um in diesem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz eine positive Aussage über sich selbst zu sehen (irrationale Hoffung vor rationaler Weltanschauung, Unterwerfung vor Mut). Im Innenteil erzählen Prominente wie Hermann Maier oder Waltraud Klasnic, wie wichtig Ostern und die Auferstehung für sie ist, die Sonntagsbeilage erinnert an Mutter Teresa und in “Offen Gesagt”, so etwas wie der Leitartikel der “Kleinen”, erklärt der stellvertretende Chefredakteur Thomas Götz, wieso er nicht aus der Kirche austritt (was selbstverständlich ein Plädoyer dafür ist, es ihm gleichzutun).
Angeblich war er kurz davor auszutreten, als Hans Küng die Lehrbefugnis entzogen wurde. Als der nun doch nicht so schnell selige Johannes Paul der II “dekretierte, über die Frage des Priestertums der Frau dürfe nicht einmal diskutiert werden”, war er nur noch empört. Die Missbrauchsfälle, die traditionelle Vertuschung auf Kosten der Opfer zwecks Täterschutz, die auch gleich neue Opfer in Kauf nahm, ärgern ihn schon auch. Aber deshalb der Kirche den Rücken kehren?
Er fragt, was sexueller Missbrauch durch Priester, fehlene Streitkultur und Männerfixierung der Kirche den mit Jesus zu tun hätten? Und ist der Umstand, dass Einzelne dem Anspruch Jesu nicht gerecht werden, dass die Kirche als Ganze über lange Perioden weit neben der Spur lag, etwa ein Zeichen ihrer Gottverlassenheit, von Verrat am Gründungsauftrag?
Die Antwort auf die erste Frage ist wohl “relativ wenig”, zumindest mit dem überlieferten Jesus. Aber jemand der seit 2000 Jahren tot ist, so er gelebt hat, kann sich eben schwer gegen den Missbrauch seines Namens wehren (außer er wäre als allmächtiges und allwissendes Wesen von den Toten auferstanden, aber wer glaubt sowas schon?). Die Antwort auf die zweite Frage ist Ja.
Thomas Götz findet, dass es einfach ist die Frage mit Ja zu beantworten, und auch “ein bisschen selbstgerecht”. Er erzählt die Geschichte eines Journalisten, der Mutter Teresa fragte, was ihrer Ansicht nach in der Kirche nicht in Ordnung sei. Sie antwortete “Sie und ich”. Das ist, so Thomas Götz, radikal und unangenehm. Vor allem aber ist es falsch. In einer extrem hierarchischen Organisation, die eine lange Geschichte von schwersten Verbrechen die von ganz oben befohlen oder gedeckt wurden hat, in der das Individuum so es keinen zum Priester geweihten Penis hat, im Wesentlich egal ist, in der Demokratie ungefähr so angesehen ist wie eiternde Geschwüre, in der die Macht also klar hierarchisch auf wenige Männer aufgeteilt ist, die dafür aber überproportional sexistisch, antisemitisch, korrupt, rassistisch, pädophil, unmoralisch, mit der Mafia in Geschäftsbeziehungen, vor dem Gesetz auf der Flucht oder damit in Konflikt, oä, sind, die Verantwortung für das Ergebnis auf alle gleich zu verteilen, ist unfair, unddurchführbar und himmelschreiender Unsinn.
Abschließend erzählt Götz dass der ehemalige Anglikaner John Henry Newman, der im 19. Jahrhundert zur kath. Kirche konvertierte und heuer selig gesprochen werden soll, in der Kirchengeschichte nach Bruchlinien gesucht habe, die eine Neugründung (also die anglikanische Kirche) rechtfertigen würden. Er hat nichts gefunden, und ist daher zur katholischen Kirche konvertiert. Auch Götz sagt, er bräuchte einen solchen Bruch, um über einen Kirchenaustritt nachzudenken. Keinen Bruch stellen die Missbrauchsfälle oder päpstliche Dekrete oder peinliche Äußerungen eines päpstlichen Predigers dar. Es kann also ganz offensichtlich nicht um einen Bruch mit dem Ursprung des Christentums gehen, dazu wären nämlich zumindest die Vergewaltigung von Kindern und deren Deckung durch sämtliche Autoritäten, ziemlich inkompatibel. Wenn selbst die höchste Autorität der Kirche nichts sagen, erlassen oder befehlen kann, das einen solchen Bruch bedeuten würde, dann wird es überhaupt schwierig. Aber selbst bei den von Thomas Götz unendlich tief gelegten Maßstäben schaff es die Kirchengeschichte locker, Episoden hervorzukramen, die sogar diese Standards noch unterlaufen. Wie genau die Klassiker der Kirchengeschichte, Kreuzzüge, Hexenverbrennung und Inquisition, Waffensegnungen im ersten Weltkrieg und Schweigen angesichts des Holocausts im zweiten, auch nur irgendwie in Kontinuität mit auch nur einem winzigen Bruchstück von dem, was über Jesus von Nazareth geschrieben steht, gebracht werden soll, kann vermutlich nichteinmal Thomas Götz vortanzen, weshalb er es auch gar nicht versucht.