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Die hauseigene Boulevard-Zeitung Gottes (bzw. der heiligen Mutter Kirche), die “Kleine Zeitung”, berichtet heute (Sonntag!) über die gottlose Botschaft in Wien nachdem bereits gestern ihre personifizierte Moral, Claudia Kerschbaumer, diese als im Dienst Gottes stehend entlarvte (oder so…). Unter einem inhaltlich beschränkten Artikel (A) steht ein geistig beschränkter Kommentar (B).
(A)Die gottlose Botschaft ist in Wien angekommen
Die erste Kernaussage des Artikels ist, dass die österreichischen Atheisten im Gegensatz zu ihren englischen Vorbilder größenwahnsinnig sind, da letztere nur “There’s probably no god” auf die Busse schrieben, während erstere “Es gibt keinen Gott” verwenden. Das ist selbstverständlich insofern falsch, als das englische Sujet eines der drei City-Light-Sujets ist. In diesem Zusammenhang ist auch klar, wieso der Artikel in der Print-Version mit einem Foto illustriert ist, dass das “Es gibt keinen Gott”-Sujetz zeigt, während das darunter angebrachte “Gott ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein tschechischer Schlagersänger”-Sujet zufälligerweise von einem Kameramann so verdeckt wird, dass man es nur erkennen kann, wen man sowieso schon weiß worum es sich handelt. Das die Online-Version einfach mit der dreifachen Wiederholung des “Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott”-Sujets aus Deutschland illustriert wurde, ist nicht nur merkwürdig sondern widerspricht sogar dem eigenen Artikel.
Die Unterstellung des blinden Absolutismus dient dazu, eine Beweislast seitens der Atheisten zu suggerieren. Das ist sehr interessant, da die “Kleine Zeitung” in all ihren Oster- und Weihnachts-Jubelausgaben meines Wissens nach noch keinen Gottesbeweis erbracht hat.
Nachdem dann kurz auf die “Nietzsche: Gott ist tot – Gott: Nietzsche ist tot”-Argumentation der heiligen Mutter Kirche eingegangen wird (und in der Tat stellt die Tatsache dass Friedrich Nietzsche ein Mensch und daher sterblich war, einen unwiderlegbaren Beweis der Existenz Gottes dar und wer diesen hinterfragt soll zur Hölle fahren), wir noch kurz erwähnt dass sogar der österreichische Werberat ein Problem mit der Kampagne hat (angeblich im Gegensatz zur heiligen Mutter Kirche). Sogar der österreichische Werberat. Das Gremium, dass sich für “Abendland in Christenhand” unzuständig erklärt hat, entschied sich in seiner gesamten Nicht-Legitimation nur knapp nicht gegen die Kampagne. Na wenn dass den Atheisten nicht den Rest gibt…
(B) Ganz so tot ist Gott doch nicht…
…ist der Titel des Kommentars von Hans Winkler. Nicht mit dem deutschen Widerstandskämpfer oder dem österreichischen Diplomaten und ehemaligen Staatssekretär zu verwechseln – die ist der Hans Winkler der Mitherausgeber des Jubelbandes “Benedikt XVI. in Österreich” ist, jener Hans Winkler der über das “neue kirchliche Selbstbewusstsein” jubelte, als Kardinal Christoph Maria Schönborn in der NYT den amerikanischen Kreationisten beistand, und sich zugleich darüber empörte das “eine Genetikerin” meinte diese Wahrheit in Frage stellen zu müssen (siehe ots.at). Dieser Hans Winkler widmet einen beträchtlichen Teil seines Kommentars, wie schon gestern seine Schwester im Glauben, Claudia Kerschbaumer, der Umarmung der Gegner, wenn er die Meinungsfreiheit verteidigt. Bemerkenswert ist immerhin, dass er die dämliche “Die sollen doch in Saudi Arabien ‘Allah ist tot’-Plakate aufhängen”-Argumentation auf- und angreift.
Aber all das dient nur dem höhere Zweck, die schwachen Angriffe (die die Angreifer noch dazu als ziemlich radikal, dumm und als Gegner der Menschenrechte dastehen lassen) ruhig zu stellen, um zu einem, zumindest wohl Winklers Meinung nach, stärkeren auszuholen.
Das Diskutable an dem Plakat ist überhaupt nicht der abgeschmackte Satz von “es gibt keinen Gott”, der schon im 19. Jahrhundert, als er erfunden wurde, kaum jemanden aufgeregt hat, sondern die Unterzeile: “Gutes tun ist menschlich”.
Denn, so Winkler, die Herausforderung sei die Frage “Gibt es eine Moral ohne Gott?”. Zunächst macht diese Frage Vorannahmen, die es schwer machen, darüber sinnvoll zu diskutieren. Entweder nimmt sie an, dass es einen Gott gibt, dann ist es aber notwendig das man diesem sämtliche Macht über sich durch einen Akt des “Nicht-Glaubens” (o.ä.) entziehen kann, da die Frage sonst sinnlos ist. Oder die Vorannahme ist, dass man nicht weiß ob es einen Gott gibt, aber dass man ihn jedenfalls “herbei-glauben” könne (sonst wäre die Frage insofern sinnlos als die Antwort “Nein” schwer möglich wäre solange man sich nicht von der (belegbaren) Vorannahme verabschiedet, dass es zumindest “eine Moral” gibt, was das ganze aber endgültig schwachsinnig machen würde). Streng genommen ist in dieser Frage die Existenz Gottes überhaupt vorausgesetzt, da sonst nicht klar wäre, wovon man spricht, da sie ja die Existen einer Moral mit Gott suggeriert, und das Erfragte nur durch seine Abgrenzung definiert wird.
Aber schenken wir den Fragenden das alles. Die offensichtlche Intention, dadurch ohne Gottesbeweis seine Notwendigkeit (oder zumindest die von organisierten, starken Religionen) zu beweisen, ist auch so noch angreifbar genug. Denn wir wissen relativ viel über die menschliche Geschichte. Und historisch gesehen haben Religionen (insbesondere die missionarischen) wirklich viel, aber wenig moralisch Gutes geleistet. Ohne das mittelalterliche Bekriegen von Christenheit und Islam näher zu bleuchten, möchte ich dazu nur kurz das furchtbare Nazi-Regime, das den Atheisten ja ach so gerne als “gottloses Regime dessen Gottlosigkeit seine Grausamkeit erst möglich gemacht hat” zurückwerfen. Selbst wenn es keine Moral ohne Gott gäbe, wäre historisch evident dass die Welt mit dieser Moral von Gott nicht gerade angenehm oder gut oder ähnliches ist.
Wie argumentiert nun Winkler, der die von ihm gestellte Frage unausgesprochen aber klar mit “Nein” beantwortet? So:
Dostojewski hat darauf eine schneidende Antwort gegeben: “Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt”.
Haha… Hahaha… Hahahaha…
Aber ernsthaft, das ist alles was er vorbringt. Es geht klarerweise also nur um ein Religions-internes sich selbst Bestätigen.
In seiner christlichen Barmherzigkeit fährt Winkler fort, und stellt klar, dass das “natürlich nicht heißen [soll], dass Gottlose nicht moralisch handeln könnten”. Abgesehen davon, dass ich es interessant finde, dass er tatsächlich das veraltete und abwertend konnotierte Wort “Gottlose” verwendet, finde ich seine folgende Erklärung dafür großartig:
Es heißt aber, dass, wie es die Bibel ausdrückt, Gott den Menschen “sein Gesetz ins Herz gelegt hat”.
Es gibt keine Moral ohne Gott, was aber egal ist, da auch gottlose Satansjünger moralisch handeln können, da Gott allen Menschen seine Moral ins Herz gelegt hat, und man ihr also nicht entkommen kann. Herrlich, ein völlig unwiderlegbarer Satz vom feinsten, der wunderbar demonstriert wie sinnentleert religiöse Aussagen meist sind (wenn sie nicht gerade gegen Naturgesetze verstoßen oder historisch falsch sind). Aber, wer noch kann, halte sein Lachen zurück, den der Höhepunkt kommt erst jetzt:
Es ist aber nicht so, dass mit dem Ende des Gottesglaubens das lichte Zeitalter der Liberalität und allgemeinen Menschenliebe angebrochen wäre.
Amen (hebräisch, bedeutet hier: „So sei es“ oder „So soll es geschehen“)
2 Responses to Ohne Gott gibt es keine Moral
darkwin
July 19th, 2009 at 12:15 pm
Wow, jetzt sind sie wieder alle “Profis” und erklären (beweisen) die Existenz Gottes so logisch, wie Münchausen. Mit dem feinen Unterschied, dass sie sich die Gschichtln selber glauben.*
Die offizielle Kirche (die wirklichen Profis), weiß warum sie sich in nobler Zurückhaltung übt und täte gut daran ihre übereifrigen dilettierenden Schäfchen zurückzupfeifen die sich da ihren Glauben zurechtzimmern wie’s ihnen in den Unsinn kommt.
*”Gott hat dem Menschen sein Gesetz ins Herz gelegt, daher existiert Gott.” klingt wie: “Das Empire State Building ist ein Beweis für King Kong!”
alm
July 19th, 2009 at 5:14 pm
Ignorieren die Winkler, Kerschbaumers und Fleischhackers eigentlich absichtlich, was diese Kampagne kommunizieren will, oder verstehen sie es nicht?
Verfälschen sie die Inhalte durch falsches zitieren (ablesen) der Text oder haben sie eine Leseschwäche bzw. verformen sich die Inhalte bei der Wahrnehmung mit einem eingebauten Propagandafilter.
Ich verstehe es nicht, aber wie auch. Die leben in einer anderen Welt als wir.