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Der Artikel “Obama und die Todesstrafe” (Dank an Andrea für den Linktipp) zeigte mir wieder eine besonders bemerkenswerte Facette von Glaube und Religion. Der Artikel von Joachim diskutiert die verschiedenen Motivlagen die zu einer Befürwortung der Todesstrafe führen. Der Artikel meint, dass es bei Obama gerechtfertigt erscheint, wenn es sich um “besonders heimtückische Verbrechen handelt”. Wie man es aber dreht und wendet: Todesstrafe ist Mord. Auch bei Obama.
Nun hat dieses Thema – es mögen sich die Historiker zu Wort melden, warum das so ist – gerade in den USA eine derart lange Tradition und ist dermaßen tief verwurzelt, dass eine Debatte über die Todesstrafe (oder auch z.B. den Waffenbesitz) für jeden Politiker politischem Selbstmord gleichkommt. Daran anzustreifen macht man nur, wenn es unbedingt sein muss. Wahlkämpfe sind solche Zeiten. Außerhalb derselben lässt man besser die Finger davon und so wird es auch bei Obama sein – wäre schön, wenn ich mich täusche.
Worauf ich aber hinaus möchte ist folgende Hypothese: Gäbe es keine Religion, gäbe es keine Todesstrafe.
Die Todesstrafe delegiert die Verantwortung an eine göttliche Instanz. Wäre atheistischer Glaube in der Gesellschaft verankert, würde man mit diesem Thema anders umgehen. Religion ist ein spekulatives Versprechen, das niemals eingelöst werden muss (vgl. Paul Schulz, Atheistischer Glaube, S64)!. Todesstrafe wäre keine Handlungsalternative, kein rational denkbares und moralisch vertretbares Strafmaß wenn wir davon ausgehen, dass es nur dieses eine Leben gibt. So einfach ist es!
Und weiter: Dieses, das einzige Leben zu nehmen, ohne jede Rehabilitationschance, ohne jeden Reinkarnationsglauben muss zwingend zum Bemühen führen, die Dinge im Hier und Jetzt zu bearbeiten. Wie verwerflich die Taten auch immer gewesen sein mögen.
Obama ist nun einer, dessen Verhalten auf religiös geprägtem Verhalten fußt – als Amerikaner könnte er wohl auch nicht anders. Damit ist es so gut wie ausgeschlossen, dass er auch nur einen Schritt in Richtung Abschaffung der Todesstrafe gehen wird. Letztlich würde er sich seine eigene moralische Grundlage entziehen. Er selbst lieferte indirekt das Argument: Hinreichende Empörung alleine reicht nicht aus, den Tod als Strafe zu fordern. Da braucht es auch den Glauben daran, dass eine höhere Macht den letzten Richter gibt. Letztlich muss das man wohl auch glauben, um ein Todesurteil mit seinem Gewissen vereinbaren zu können.
Das ist schlicht und einfach falsch. Und das traurige ist: bei diesem Thema wird es keinen CHANGE geben.
10 Responses to Religion fördert die Todesstrafe
Andreas Lichte
January 24th, 2009 at 11:43 am
Hallo Günther Strobl,
Sie schreiben:
“Todesstrafe wäre keine Handlungsalternative, kein rational denkbares und moralisch vertretbares Strafmaß wenn wir davon ausgehen, dass es nur dieses eine Leben gibt. So einfach ist es!”
Da stimme ich Ihnen zu.
Aber steht das im Widerspruch zum christlichen Glauben?
Ernst gemeinte Frage, denn ich bin kein Theologe und beabsichtige auch nicht, Werbung für die christliche Religion zu machen. Wie ich die Sache verstanden habe: Für den Christen ist das Leben einmalig, ein einmaliges Geschenk Gottes. Deshalb auch die strikte Ablehnung der Abtreibung, die als Eingriff in Gottes Wille verstanden wird – sein Geschenk wird zerstört, zurückgewiesen, und das geht ja mal gar nicht …
Wenn das so wäre – Frage an Sie und Theologen – dann könnte und sollte man gerade aus christlicher Sicht die Todesstrafe ablehnen. Und noch mal ganz elementar – da gab´s auch noch ein Gebot, die Nummer 5: “Du sollst nicht morden.”
Anders verhält es sich mit einem Reinkarnationsglauben. Da stellt sich für mich schon die Frage, ob das Tötungs-Tabu nicht aufgehoben wird. Kennen Sie die Stelle aus der Bhagavad Gita? Hier zitiert nach Heinrich Zimmer, “Philosophie und Religion Indiens”, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 26, 1988, S. 341:
“Die Kämpferreihen der beiden feindlichen Heere im Mahabharata sind schon gegeneinander aufgestellt, und alles harrt auf den eröffnenden Trompetenstoß, da wird Arjuna, der Führer der Pandavas, von dem Wunsch ergriffen, sein Wagenlenker möge ihn auf das Schlachtfeld zwischen die Heere führen, damit er mit einem Blick seine Kampfkräfte und auch die seiner gegnerischen Vettern, der Kauvaras, überschauen könne. Als er jedoch in beiden Reihen seine Freunde und Lehrer, Söhne und Großväter, Neffen, Onkel und Brüder erblickt, da überkommt ihn ein Gefühl tiefsten Mitleids und Bedauerns. Sein Geist wird schwach, und Zweifel überfallen ihn, ob er den Befehl zum Beginn der Schlacht überhaupt geben dürfe.”
Um es kurz zu machen: Er darf.
Herleitung spare ich mir. Hier nur die monumentale Konsequenz, Krishna sagt, S. 344:
“Die Zeit bin Ich, der große machtvolle Zerstörer, und ich bin hier erschienen, die Menschen alle fortzuraffen. Auch ohne dich wird keiner der Krieger, die dort in den Reihen stehen, am Leben bleiben. Darum erhebe dich, erwirb dir Ruhm, zerschmettere den Feind, genieße das Blühen deiner Herrschaft. Durch Mich, durch Mich allein sind diese lange schon getötet. DU SEI NICHTS ALS MEIN WERKZEUG!”
Andrea Mayer-Edoloeyi
January 24th, 2009 at 1:09 pm
Ich freue mich, dass wir uns in der strikten Ablehnung der Todesstrafe einig sind. Ich sehe das wirklich als einen der neuzeutlichen Fortschritte, denn selbst noch Kant trat trotz seiner anders ausgerichteten Ethik noch für die Todesstrafe ein. Warum aber an allem Schlechtem in der Welt die Religion schuld sein soll, weiss ich nicht, insbesondere bei diesem Thema, aktuell ist China das Land mit den meisten Hinrichtungen, da gibts ein autoritäres, sich kommunistisch nennendes Regime, das gewiss nichts mit dem Christentum zu tun hat. http://de.wikipedia.org/wiki/Todesstrafe
guenter strobl
January 24th, 2009 at 1:18 pm
Nun ja: Es gibt viele Neu- und Alttestamentarische Zitate, die für die Unversehrtheit von Leben stehen. Aber mindestens genauso viele die für eine tiefe Todessehnsucht stehen (Paulusbriefe, das ganze Alte Testament sowieso). Ich frage mich daher nicht, was sagt die Bibel oder irgend ein anderes Sammelsurium der Macht, sondern: WAS SAGT DIE VERNUNFT? Und bei Krishna steige ich offen gestanden sowieso aus – derartige Passagen findet man eben zur genüge auch in anderen “heiligen” Büchern.
Andreas Lichte
January 24th, 2009 at 1:38 pm
Hallo Günter Strobl,
es ging aber nicht um die Frage “WAS SAGT DIE VERNUNFT?”
sondern um die Aussage: “Religion fördert die Todesstrafe”
Dahinter hab ich mal ein Fragezeichen gemalt. Wenn Sie das ernst nehmen wollen, würde ich tatsächlich mal einen Fachmann befragen – nicht mich – auch wenn ich mir das sehr lustig vorstelle … Atheist trifft auf Theologe … sagt der eine: “…”
Andrea Mayer-Edoloeyi
January 24th, 2009 at 2:15 pm
Ja, klar finden sich in der Bibel oder auch anderen heiligen Schriften (da kenne ich mich aber nicht so aus) Zitate für oder gegen die Todesstrafe bzw. ein unbedingtes Recht auf Leben für alle Menschen. Das ist nicht nur bei diesem Thema so, sondern auch bei vielen anderen Themen. Genau darum kann die Bibel auch nicht wortwörtlich und zusammenhanglos gelesen werden, sondern es braucht wissenschaftliche Methoden (historisch-kritische Methode), um mit diesem alten Texten zu arbeiten. Sobald man/frau das tut – und das tun die katholische und evangelische Kirche – wird klar, dass Glaube und Vernunft sehrwohl zusammengehen und einander bereichern, das war schon im Mittelalter bekannt (fides quaerens intellectum). Klar gibt es fundamentalistische ChristInnen, die mit so einer Herangehensweise nichts anfangen können – interessant ist, dass diese in den USA vermutlich ziemlich ident sind mit den BefürworterInnen der Todesstafe, der Verfolgung homosexuell lebender Menschen oder einen Frauenbild von vorgestern.
Ein Pauschalurteil, dass alle Religionen die Todesstrafe fördern würden, ist aber völlig unangemessen.
jemand
January 24th, 2009 at 4:15 pm
Die Todesstrafe wird, meiner Meinung nach, primär als Abschreckung verstanden. Auch Atheisten können der auffasung sein, dass die Todesstrafe dadurch zu einem wirksamen Instrument zur Verhinderung von Verbrechen wird.
Weiteres frage ich mich was “Atheistischer Glaube” sein soll, ich dachte immer Atheismus zeichnet sich durch nichtglaube aus.
Andreas Lichte
January 25th, 2009 at 9:28 am
@ jemand
Das einzige, was an der Todesstrafe abschreckend ist, ist wie Befürworter darüber denken.
Hier als Beispiel Felix Hau, Redakteur des anthroposophischen Magazins “info 3″. Zitat von seiner homepage:
http://www.berzengeschnetz.de/blog/?p=85
“Zum Tod der Bestie von Bagdad
Ach Kinder – herrlich!
Das hatte ich wirklich schon lange nicht mehr: ein richtig schönes Hinrichtungsvideo zum gemütlichen Frühstückskaffee.
Ich war gerade drauf und dran, ins Auto zu steigen und hupend durch Rinteln zu fahren.
Einer der barbarischsten Schlächter der Neuzeit hat ein standesgemäß jämmerliches Ende gefunden; schade, dass man in dem Video nicht sieht, wie er in diese dreckige Bodenklappe fällt.”
guenter strobl
January 25th, 2009 at 9:41 pm
Es freut mich, dass einige an dieser Debatte teilnehmen.
Zum Thema Atheistischer Glaube beziehe ich mich auf das Buch von Paul Schulz http://www.amazon.de/Atheistischer-Glaube-Eine-Lebensphilosophie-ohne/dp/3865391796/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1232752975&sr=8-1
Ein Atheist braucht keinen Gott oder noch besser: stellt sich die Gottesfrage gar nicht erst. Paul Schulz meint dann, dass man sich mit vielen Fragen selbst (ohne Gott und Releigion) auseinander setzten muss: “Ohne Gott muss so vieles Alte in Frage gestellt werden, muss vieles ganz neu hinterfragt werden – sachbezogener, vom Bewiesenen her, dialogisch, auf gleicher menschlicher Augenhöhe, ohne ständigen Blick in den Himmel oder Herumkramen in der Dogmenkiste.” (vgl. Seit 10, Paul Schulz)
Ernst Fall
January 26th, 2009 at 9:31 pm
Lieber Günther,
ja, ich bin gegen die Todesstrafe.
Ja, ich bin 100%ig der Auffassung, dass für die meisten Religionen – oder besser: Kirchen? – aufgrund ihrer Historie ein Wiederbetätigungsverbot angemessen wäre.
Ich glaube auch, dass Atheismus und Todesstrafe nicht zusammengehen – aber [leider] nicht aus Menschenfreundlichkeit.
Der Tod ist hier, so banal dies sein mag, eine Form der Strafe, die Betonung liegt also auf dem zweiten Wortteil, nicht auf dem ersten. Und ein Regel- und Strafensystem kennt der Atheismus genauso; nur geht das im Fall der Todesstrafe nicht auf …
Gerade “Ungläubige” müssen auf “Gerechtigkeit” im Diesseits vertrauen. So gesehen ist hier die Ablehnung der Todesstrafe ebenso rachsüchtig, wie sonst ihre Befürwortung – im Wunsch begründet, der Täter soll möglichst lang im Hier und Jetzt mit seinem Tun konfrontiert bleiben (im Idealfall: Einsicht und Reue, dh Schuldgefühle, durchleben). Eine “Fluchtmöglichkeit” aus dieser Verantwortung kann man als Atheist schlecht zulassen, weil dann die vermeintliche Gerechtigkeit auf der Strecke bliebe.
Was käme zB bei einer Diskussion heraus, würde vorgeschlagen, Täter sollten die Wahlfreiheit haben, welche Strafe sie bekommen – ob Haft oder Tod. Der Standpunkt müsste eigentlich für alle passen – und in Wirklichkeit passt er für keinen mehr.
Lg, Ernst
jemand
January 26th, 2009 at 11:39 pm
@Andreas Lichte:
Zuerst mal: Ich bin 100% gegen die Todesstrafe und mir ist auch absolut bewusst das die Todesstrafe (und Strafe im allgemeinen) nicht abschreckend wirkt.
Allerdings ist das, meiner Meinung nach, genau die Auffassung der Todesstrafenbefürworter. Diese Auffassung aber ist unabhängig von Religion.