Manifest für die Intoleranz

28 Jun
2007

Eine mutige Ansage hat der diesjährige Ludwig-Börne-Preisträger und “Spiegel”- Autor Henryk M. Broder in seiner Dankesrede getätig: Er ruft zum Ende der Toleranz gegen Kulturen auf, die selbst intolerant sind. Hier ein Auszug:

“(…) in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen hatten.Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird.Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf “Ehrenmorde” und andere Kleinigkeiten nicht mit dem “kulturellen Hintergrund” der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind.”

Hier der ganze Text der Dankesrede von Henryk M. Broder
“Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen”

(SPIEGEL ONLINE – 25. Juni 2007)

Einerseits würde ich Broders kleines Manifest für die Intoleranz sofort unterschreiben: Er sagt der naiven bzw. blinden Toleranz den Kampf an. Andererseits scheint er seine Aussagen nur auf sein Feindbild, den Islam zu beziehen. Und die jüdisch bzw. christlich geprägten Gesellschaften darüber zu stellen. Schade. Somit verliert die ganze Aussage seinen Wert….

Telepolis über die Broder-Dankesrede

5 Responses to Manifest für die Intoleranz

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alm

July 1st, 2007 at 1:19 pm

Ich finde nicht, dass die Aussage ihren Wert verliert. Für mich hat es nicht den Anschein als würde Broder die Rede zu benützen, um ein Gesellschaftssystem über das andere zu stellen, aber vielleicht hab ich nicht genug zwischen den Zeilen gelesen.

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Judith

July 3rd, 2007 at 7:56 pm

ich gebe zu, das ist meine subjektive Empfindung. Denn er spricht nicht aus, dass er eine Kultur konkret über eine andere stellt. Aber obwohl ich sicher kein Freund von naiver Toleranz im von Broder beschriebenen Sinne bin, habe ich schon oft das Gefühl, dass er und viele “westliche” (christliche ?) Medien den Islam – bewußt oder unbewußt – als das Feindbild schlechthin darstellen.

Broder hat recht, dass diese Rücksichtnahme auf “religöse Gefühle” Humbug ist. Aber er hilft dabei mit, dass die Muslime allgemein dämonisiert werden. Wer eine andere Gruppe als Feindbild aufbaut, fördert damit die Identifikation mit der eigenen Gruppe. Was bei den Europäer meiner Meinung nach bedeutet, dass sie sich auf ihre ” europäischen” und daher christlichen Wurzeln berufen – und schon gibt es Leute wie Hans-Gert Pöttering (Präsident des Europäischen Parlaments) der vor kurzem verkündete, dass “die EU nicht ohne Beitrag der Religionen bestehen kann” – und ich bezweifle, dass in seiner Definition von Religionen auch der Islam vorkommt. Und schwups – haben wir einen Religionsbezug in der Eu-Verfassung …und womöglich – damit die Abrenzung vom Islam auch ja gründlich verläuft – eine neue Christianisierungs-Welle….und immer mehr verhärtete Fronten im Relgionswahnsinnskulturkampf….

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Judith

July 6th, 2007 at 3:27 pm

Dabei kann die EU ja auch anders…zumindest diesem Trailer nach zu schließen, der auf der offiziellen youtube-Seite der Europäischen Kommision (www.youtube.com/eutube)
zu finden ist… :)

http://www.youtube.com/watch?v=koRlFnBlDH0

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Judith

July 9th, 2007 at 6:07 pm

Interessantes Buch zu diesem Thema:

Ian Buruma
“Die Grenzen der Toleranz. Der Mord an Theo van Gogh”, Hanser Verlag, München 2007.

Review in der Zeit dazu >> http://www.zeit.de/2007/28/ST-Toleranz

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“Ist Gott nur eine Wahnvorstellung?”

October 31st, 2007 at 6:31 pm

[...] Henryk M. Broder, Manfred Lütz, Michael Schmidt-Salomon [...]

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