Für zahlreiche ÖsterreicherInnen sind die laufenden Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, vor allem aber deren Umgang damit, der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und sie zum Kirchenaustritt bewegt. Für die Heilige Mutter Kirche ist das selbstverständlich schmerzhaft, schließlich geht es um die Vormachtstellung im Staat und die Dominanz des öffentlichen Lebens (was beides relativiert wird, je weniger “Vorsprung” die r.k. Kirche auf die anderen Religionsgemeinschaften hat). Außerdem gehen wertvolle KirchenbeitragszahlerInnen verloren.
So bemüht sich die katholische Kirche, dagegen anzukämpfen. Was freichlich schon deshalb schwer ist, da jede ehrliche Bemühung der österreichischen Bischöfe, so wenig es davon auch gibt, von einem Vatikan der die Wörter “weltfremd” und “reaktionär” völlig neu definiert, untergraben wird. Auch die Bestellung der ehemaligen steirischen Frau Landeshauptmann, Waltraud Klasnic (ÖVP, Vorsitzende des katholischen Dachverbands Hospiz Österreich und der Freunde des Grazer Priesterseminars), zur (angeblich) unabhängigen Täter Kirchen Opferschutzanwältin, wurde außer von den Bischöfen selbst, gerade einmal von der Laieninitiative, einer Gruppe von ÖVP-PolitikerInnen, begrüßt.
Nun ist zur Osterzeit die Kirche in Österreich ohnehin permanent präsent, und wäre nicht wieder der Vatikan mit antisemitischer Relativierung und totaler Verleugnung dazwischen gekommen, hätte es medial ein durchaus angenehmens Wochenende für die Kirche werden können. So bleiben der Kirche nur die eigenen Kanäle, um Imagekorrektur zu betreiben. Da kommt es gelegen, wenn man auf einen Medienkonzern wie die Styria zurückgreifen kann. Diese im Besitz der Diözese Graz-Seckau befindliche Medienmacht ist in Österreich vor allem in der Steiermark und in Kärnten durch die “Kleine Zeitung” präsent, die in etwa so kirchenkritisch ist wie das “Sonntagsblatt” (auch ein Printprodukt der Diözese Graz-Seckau). Die “Kleine” bringt am heutigen Ostersonntag folgendes Gedicht auf der Titelseite:
NICHT MUTIG
Die Mutigen wissen
Daß sie nicht auferstehen
Daß kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Daß sie nichts mehr erinnern
Niemandem wiederbegegnen
Daß nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit
Keine Folter
Ich
Bin nicht mutig.
Ich denke man muss schon relativ katholisch (oder religiös) sein, um in diesem Gedicht von Marie Luise Kaschnitz eine positive Aussage über sich selbst zu sehen (irrationale Hoffung vor rationaler Weltanschauung, Unterwerfung vor Mut). Im Innenteil erzählen Prominente wie Hermann Maier oder Waltraud Klasnic, wie wichtig Ostern und die Auferstehung für sie ist, die Sonntagsbeilage erinnert an Mutter Teresa und in “Offen Gesagt”, so etwas wie der Leitartikel der “Kleinen”, erklärt der stellvertretende Chefredakteur Thomas Götz, wieso er nicht aus der Kirche austritt (was selbstverständlich ein Plädoyer dafür ist, es ihm gleichzutun).
Angeblich war er kurz davor auszutreten, als Hans Küng die Lehrbefugnis entzogen wurde. Als der nun doch nicht so schnell selige Johannes Paul der II “dekretierte, über die Frage des Priestertums der Frau dürfe nicht einmal diskutiert werden”, war er nur noch empört. Die Missbrauchsfälle, die traditionelle Vertuschung auf Kosten der Opfer zwecks Täterschutz, die auch gleich neue Opfer in Kauf nahm, ärgern ihn schon auch. Aber deshalb der Kirche den Rücken kehren?
Er fragt, was sexueller Missbrauch durch Priester, fehlene Streitkultur und Männerfixierung der Kirche den mit Jesus zu tun hätten? Und ist der Umstand, dass Einzelne dem Anspruch Jesu nicht gerecht werden, dass die Kirche als Ganze über lange Perioden weit neben der Spur lag, etwa ein Zeichen ihrer Gottverlassenheit, von Verrat am Gründungsauftrag?
Die Antwort auf die erste Frage ist wohl “relativ wenig”, zumindest mit dem überlieferten Jesus. Aber jemand der seit 2000 Jahren tot ist, so er gelebt hat, kann sich eben schwer gegen den Missbrauch seines Namens wehren (außer er wäre als allmächtiges und allwissendes Wesen von den Toten auferstanden, aber wer glaubt sowas schon?). Die Antwort auf die zweite Frage ist Ja.
Thomas Götz findet, dass es einfach ist die Frage mit Ja zu beantworten, und auch “ein bisschen selbstgerecht”. Er erzählt die Geschichte eines Journalisten, der Mutter Teresa fragte, was ihrer Ansicht nach in der Kirche nicht in Ordnung sei. Sie antwortete “Sie und ich”. Das ist, so Thomas Götz, radikal und unangenehm. Vor allem aber ist es falsch. In einer extrem hierarchischen Organisation, die eine lange Geschichte von schwersten Verbrechen die von ganz oben befohlen oder gedeckt wurden hat, in der das Individuum so es keinen zum Priester geweihten Penis hat, im Wesentlich egal ist, in der Demokratie ungefähr so angesehen ist wie eiternde Geschwüre, in der die Macht also klar hierarchisch auf wenige Männer aufgeteilt ist, die dafür aber überproportional sexistisch, antisemitisch, korrupt, rassistisch, pädophil, unmoralisch, mit der Mafia in Geschäftsbeziehungen, vor dem Gesetz auf der Flucht oder damit in Konflikt, oä, sind, die Verantwortung für das Ergebnis auf alle gleich zu verteilen, ist unfair, unddurchführbar und himmelschreiender Unsinn.
Abschließend erzählt Götz dass der ehemalige Anglikaner John Henry Newman, der im 19. Jahrhundert zur kath. Kirche konvertierte und heuer selig gesprochen werden soll, in der Kirchengeschichte nach Bruchlinien gesucht habe, die eine Neugründung (also die anglikanische Kirche) rechtfertigen würden. Er hat nichts gefunden, und ist daher zur katholischen Kirche konvertiert. Auch Götz sagt, er bräuchte einen solchen Bruch, um über einen Kirchenaustritt nachzudenken. Keinen Bruch stellen die Missbrauchsfälle oder päpstliche Dekrete oder peinliche Äußerungen eines päpstlichen Predigers dar. Es kann also ganz offensichtlich nicht um einen Bruch mit dem Ursprung des Christentums gehen, dazu wären nämlich zumindest die Vergewaltigung von Kindern und deren Deckung durch sämtliche Autoritäten, ziemlich inkompatibel. Wenn selbst die höchste Autorität der Kirche nichts sagen, erlassen oder befehlen kann, das einen solchen Bruch bedeuten würde, dann wird es überhaupt schwierig. Aber selbst bei den von Thomas Götz unendlich tief gelegten Maßstäben schaff es die Kirchengeschichte locker, Episoden hervorzukramen, die sogar diese Standards noch unterlaufen. Wie genau die Klassiker der Kirchengeschichte, Kreuzzüge, Hexenverbrennung und Inquisition, Waffensegnungen im ersten Weltkrieg und Schweigen angesichts des Holocausts im zweiten, auch nur irgendwie in Kontinuität mit auch nur einem winzigen Bruchstück von dem, was über Jesus von Nazareth geschrieben steht, gebracht werden soll, kann vermutlich nichteinmal Thomas Götz vortanzen, weshalb er es auch gar nicht versucht.
Warum weder die immensen staatlichen Zuwendungen an die katholische Kirche, noch die anderen Aspekte ihrer Machtausübung aufgegriffen und ernsthaft durchleuchtet werden, fragt Waltraud Prothmann.
Nun gibt es also jede Woche aufgeregte Fernsehdiskussionen und Kommentare zur sexuellen Gewalt an Kindern. Geistliche, die angeblich nichts ahnten, fallen betroffen aus allen Wolken und geben ihre bedauernden Lippenbekenntnisse ab. Ansonsten verstecken sie sich wie eh und je – unerträglich monoton in der Wortwahl – hinter abwehrenden und relativierenden Floskeln.
Erstaunlich ist, dass es offenbar ein Thema gibt, mit dem man noch verschämter und heimlicher umgeht, als mit den sexuellen Verfehlungen: Den von allen Steuerzahlern, ob katholisch oder nicht, aufzubringenden Mitteln zur Erhaltung und Verbreitung einer herzlosen Religion.
Es gibt heute so gut wie kein Ressort, in dem nicht gespart werden muss. Wir haben uns täglich mit Abstrichen in sozialen, Gesundheits- und Bildungsbereichen abzufinden, wir hören oder lesen aber keinen Ton, der etwa die fortwährende, hohe staatliche Zuwendung an eine Institution hinterfragte, die ausschließlich der Verbreitung ihrer lebensfernen religiösen Lehren dient. Die von den Gläubigen bezahlte Kirchensteuer – und das wissen viele Menschen nicht einmal – ist ein verhältnismäßig geringer Teil zur Erhaltung dieses Systems. Zum größeren wird es von allen Steuerzahlern finanziert. Auch von jenen, die von dieser Institution diskriminiert oder ausgeschlossen werden: Den wiederverheirateten Geschiedenen, den Homosexuellen, allen nicht katholischen Bürgern; und sogar von den entlassenen Lehrern, die den moralischen Anforderungen nicht mehr genügen, wenn sie unverheiratet eine Lebensgemeinschaft eingegangen sind.
Wie will eine demokratische Regierung die Fortführung des Konkordats aus dem Jahr 1934 für ein System rechtfertigen, das auf allen Ebenen versagt?
Die eigentlichen, system-immanenten Fragen wurden bisher nicht gestellt. Der Sturm der Entrüstung um die Verbrechen an Kindern scheint ein kurzweiliges Ereignis zu sein, das man mit einigen Vorschlägen zur Prävention kosmetisch abzuhandeln versucht.
Wo bleiben die Fragen nach den Menschenrechten: Des Rechts der in kirchlichen Diensten stehenden Menschen auf ihr eigenes Fühlen und Denken, Lieben und Träumen? Weiß man doch, dass eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung grundsätzlich nur dann möglich ist, wenn in jedem Lebensabschnitt entsprechende Veränderungen zugelassen werden. Stattdessen werden idealistische, unerfahrene, sehr junge Männer veranlasst, heilige Eide und ewige Gelübde zu schwören, um sie bis in die fernste Zukunft verfügbar zu machen. Schon das ist ein grober Machtmissbrauch.
Eine andere, zu wenig hinterfragte Verfehlung dieser Kirche ist die unglaubliche Verachtung der Frau, ihre Herabwürdigung zur „Magd des Herrn“.
Wo kommen Frauen in katholischen (Knaben-)Internaten als Betreuerinnen und Erzieherinnen vor?
Wo sind sie in der konfessionellen Hierarchie?
Das erzwungene Fehlen aller weiblichen Fähigkeiten, z. B. einer intuitiveren Kommunikation; die Diskriminierung emotionaler Wärme; die Abwesenheit eines lebendigen, gleichberechtigten Dialogs zwischen männlichen und weiblichen pädagogischen Konzepten in kirchlichen Einrichtungen – wer verantwortet diesen eklatanten Mangel?
Die Erziehung klerikalen, sexuell unterdrückten Männern zu überlassen ist fahrlässig. Dass kirchliche Dogmen über Ehe, Familie und Sexualität in Bischofssynoden von einigen hundert alten Junggesellen beschlossen werden, ist lächerlich. Dass tausende Mütter erpresst werden, den zölibatären Vater ihres Kindes zu verschweigen, damit sie von kirchlichen Stellen wenigstens Alimente bekommen, ist unmenschlich. Dass für diese Kinder die Begegnung mit dem Vater – wenn sie denn überhaupt je stattfindet - meist eine heimlich verklemmte oder schambefleckte ist, müsste für alle natürlich empfindenden Menschen eigentlich unerträglich sein. Diese Männer müssten angehalten werden, ihre Verantwortung wahrzunehmen. In Wahrheit werden sie unter Druck gesetzt, die Liebespartnerin und das Kind zu verleugnen.
Hat man je von einer Ombuds-Stelle gehört, an die sich diese Frauen und Kinder wenden könnten?
Eine solche Kirche dürfte von staatlicher Seite nicht länger finanziert werden. Und der Staatsfunk sollte der scheinheiligen Selbstdarstellung einer solchen Führung kein Forum bieten.
Es wäre besser und „christlicher“, die immensen Zuwendungen zur Verbreitung einer autoritären Ideologie für soziale Projekte zu verwenden und sie an die Gleichstellung von Mann und Frau, wie sie etwa in der evangelischen Kirche längst verwirklicht ist und an demokratische Spielregeln zu knüpfen. -
Kinder werden nicht nur in Männerklöstern misshandelt: Als im Advent des Jahres 2007 in einer Fernsehsendung das „Europakloster Gut Aich“ bei St. Gilgen vom amtierenden Prior als „heiliger und heilsamer Ort, wo Menschen immerzu gut und verantwortungsvoll gewirkt haben“ vorgestellt wurde, blieb mir einen Augenblick der Atem weg. Dann schrieb ich folgenden Brief an ihn:
Ich war als Kind von acht Jahren etwa neun Monate in Gut Aich. Heute, nach mehr als fünfzig Jahren, bekomme ich immer noch eine Gänsehaut, wenn ich mich diesem „heiligen Ort“ nähere. Die traumatischen Erlebnisse dieser Zeit haben jedes Vertrauen in den Sinn einer religiösen Erziehung in mir ausgelöscht. Was unter dem Deckmantel einer christlichen Moral – wahrscheinlich aus reiner Unbewusstheit zutiefst frustrierter Nonnen – dort an Kindesmisshandlung geschehen ist, wäre heute zum Glück kaum mehr möglich …..
Ich persönlich verdanke meine Befreiung aus dieser Kinderhölle einem agnostisch eingestellten Arzt, der meine Mutter von der krank machenden Atmosphäre überzeugen konnte…..“
(Eine der harmloseren, aber durchaus erschreckenden „Stichproben“ an uns kleinen Mädchen bestand darin, uns nachts, wenn wir schliefen, plötzlich die Bettdecke weg zu reissen, um zu überprüfen, „wo wir unsere Hände hatten“).
Der Prior rief mich zwar an und fand meine Erlebnisse bedauerlich. Aber glauben könne er mir nur, sagte er, weil er wisse, mit wem ich verheiratet sei. Mein Mann (!) sei für ihn vertrauenswürdig.
Das Wesentliche steht nicht zur Debatte
Eine Analyse des inneren Zustandes der klerikalen Kirche blieb bisher aus. Trotz der erschütternden Vergehen kann man keinen verantwortungsbewussten strukturellen Veränderungswillen erkennen, leider auch nicht seitens weltlich-politischer Ordnungsmächte. Denn wesentlich wäre, die Kirche im Hinblick auf die mühsam erworbenen Menschen- und vor allem Frauenrechte zu hindern, sich ungeniert imaginärer, spiritueller Fantasien zu bedienen, um suchende Menschen in ihre Abhängigkeit zu bringen. Die Zeit ist reif, ihr den absurden Anspruch auf beamtete Wahrheiten und die Anmaßung der Unfehlbarkeit grundsätzlich abzusprechen.
Das aber liegt in der Verantwortung des Staates!
Man muss sich doch fragen, welche zutiefst patriarchalischen Muster über die kirchlichen Machtstrukturen hinaus in unserer Gesellschaft noch wirksam sind, da eine von Frauenverachtung und Angstmache durchzogene Institution in ihrer verkrusteten Form so fraglos weiter getragen wird.
Nur demokratische, weltoffene Einrichtungen können ihre Bürger aus religiösen Umklammerungen befreien.
Waltraud Prothmann
Freie Journalistin
Kommunikationspädagogin
Salzburg
500 Millionen für konfessionelle Privatschulen sollten hinterfragt werden
Österreichs atheistische und humanistische Vereine fordern, dass die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auch von staatlicher Seite aufgearbeitet werden. Was in den vergangenen Wochen bekannt wurde, zeige eine Kultur der Angst, des Schweigens und der Vertuschung. Nur abhängige Stellen könnten das systematisch aufarbeiten, sagen die Vereinsvorsitzenden. Sie treten auch für eine bessere Hilfe für die Opfer ein.
„Es hat über Jahrzehnte einen Staat im Staat gegeben, der systematisch verhindert hat, dass Täter vor Gericht kommen“, fasst Theo Maier, Vorsitzender des Freidenkerbundes, die bisher bekannt gewordenen Missbrauchsfälle zusammen. „Es wäre jetzt einfach, die gesamte Schuld an der jahrzehntelangen Vertuschung der katholischen Kirche zuzuschieben. Ich sehe hier jedenfalls auch eine Mitverantwortung der Republik Österreich und ihrer Behörden. Als Staatsbürger habe ich ein Recht zu erfahren, wer wann weggeschaut hat.“ Maier schlägt einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss oder eine Art Sonderstaatsanwaltschaft vor. „Wie das passiert, ist letztlich egal. Wichtig ist, dass es passiert. Und möglichst so, dass die Opfer nicht bloßgestellt werden.“
Auch Niko Alm von der Giordano-Bruno-Stiftung sieht eine staatliche Mitverantwortung. „Eine Kultur des Schweigens, der Vertuschung und der Angst kann nicht aus sich heraus entstehen“, sagt er. In den konfessionellen Privatschulen seien dringend Reformen angebracht. „Es muss sichergestellt sein, dass die Meldepflicht bei Verdachtsfällen auch dort gilt. Nur das garantiert einen Schutz von Kindern vor Übergriffen.“ Alm hinterfragt auch die öffentlichen Förderungen für konfessionelle Privatschulen. „Die Republik Österreich übernimmt gemäß dem Konkordat die Personalkosten dieser Schulen. Angesichts der Tatsache, dass die meisten jetzt bekannten Übergriffe in solchen Schulen passiert sind, muss man fragen dürfen, ob die Republik Österreich wirklich jährlich 500 Millionen Euro für diese Förderungen ausgeben muss.“ Abgesehen davon müsse sicher gestellt sein, dass es genügend öffentliche Schulen gebe. „Es gibt Bezirke in Österreich, wo das Stiftsgymnasium die einzige AHS ist oder wo die einzige Schule mit Nachmittagsbetreuung von der katholischen Kirche betrieben wird. Das kann es nicht sein. Das zwingt Eltern geradezu dazu, ihre Kinder in diese konfessionellen Privatschulen zu geben.“
Erich Eder von den AgnostikerInnen und AtheistInnen für ein säkulares Österreich fordert unabhängige Ombudsstellen. „Bei aller Anerkennung für die Bemühungen der aktuellen Kirchenleitung hat sich gezeigt, dass das Vertrauen der Opfer in die kirchlichen Anlaufstellen nicht allzu groß ist. Abgesehen davon zeigt der jetzige Skandal, dass es in Österreich für Missbrauchsopfer nicht genügend Anlaufstellen geht, egal wo der Missbrauch passiert. Die sind oft genug im Stich gelassen worden. Das muss geändert werden.“ Wolfgang Huber von der Allianz für Humanismus und Atheismus fordert ein umfassendes Opferhilfepaket. „Hier muss es Entschädigungen geben, ähnlich wie in Irland und in Deutschland. Allerdings will ich nicht, dass wieder einmal die Steuerzahler einspringen müssen, damit Opfer kirchlichen Missbrauchs zu ihrem Recht kommen. Das muss die Kirche selbst erledigen.“
Heinz Oberhummer vom Zentralrat der Konfessionsfreien plädiert: „KatholikInnen müssen sich überlegen, ob sie eine Einrichtung, in der systematisch Kindesmissbrauch vertuscht wurde, unterstützen wollen. Für alle, die es nicht wollen, kann ich nur die Seite www.kirchenaustritt.at empfehlen“, sagt Oberhummer.
Der Besuch der Menschenrechtsaktivistin und Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime in Deutschland Mina Ahadi in Wien am 26. Februar 2010 ist ein willkommener Anlass diese Organisation auch in Österreich zu etablieren. Der nun gegründete Zentralrat der Ex-Muslime will einerseits bei Alltagsproblemen helfen, die dadurch entstehen, dass ihnen durch den Islam eine Lebenseinstellung durch psychischen Druck aufgezwungen wird, die mit den hiesigen Werten und Leben einfach nicht mehr zu vereinbaren ist. Auf der anderen Seite will er gegen jegliche Art von Verletzung der Menschenrechte, wie Zwangsheirat, Ehrenmorde, Steinigungen und Genitalverstümmelung aktiv werden und für diejenigen sprechen, die das in ihren Ländern nicht tun können.
Die Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime und dessen Beitritt zu den Konfessionsfreien werden von letzteren nachdrücklich begrüßt. Damit hat der Zentralrat der Konfessionsfreien nun bereits schon fünf Trägervereine, die sich zu dieser Dachorganisation vereinigt haben.
Mit der Gründung der Ex-Muslime wird in Europa ein wichtiger Prozess in Gang gesetzt, der dahin zielt, dass die Prinzipien der Aufklärung auch den Islam erreichen können. Man darf nicht vergessen, dass erst vor weniger als 400 Jahren das Licht der Aufklärung uns alle von den althergebrachten, starren und überholten Vorstellungen, Vorurteilen und Ideologien des damaligen Christentums befreit hat. Das hat uns in Europa erst Demokratie, Toleranz, Freiheit und die Menschenrechte gebracht. Dass das gegen den teilweise erbitterten Widerstand der Kirche geschah, ist allgemein bekannt. Auch das europäische Christentum konnte nur Dank der Aufklärung gezähmt werden. Es bedurfte schon der entschiedenen Absage des damaligen Christentums von außen, dass auch die innerkirchlichen Reformen eine Chance hatten, sich durchzusetzen. Mit dieser Doppelstrategie sollte es möglich sein auch die Reformenbestrebungen im Islam selbst zu unterstützen.
Die Ex-Muslime als auch Konfessionsfreie stimmen in folgenden Punkten überein:
Zum Abschluss:
„In den Reihen der Ex-Muslime findet man häufig jene ganz besonderen Menschen, die obwohl es unbequem und gefährlich ist, sich für die Prinzipien der Aufklärung und gegen Menschenrechtsverletzungen einsetzen.“
Veranstaltungshinweis
Wann: Freitag, 26. Februar 2002, ab 16 Uhr (bis ca. 19 Uhr)
Wo: Republikanischer Club (Rockhgasse 1, 1010 Wien)
Aus der Einladung (siehe Facebook Event)
Mina Ahadi, eine bekannte Islamkritikerin aus dem Iran und Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime (ZdE) Deutschland, wird am 26.2.2010 unser Gast in Wien sein. Sie wird über die immer wichtiger werdende europaweite Arbeit der ZdE-Organisationen berichten, und erklären, warum es einer starken und islamkritischen Gegenbewegung innerhalb der islamisch geprägten Community bedarf.
Mina Ahadi, geb. 1956, ist Gründungsmitglied und Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime, des Internationalen Komitees gegen Steinigung und des Internationalen Komitees gegen die Todesstrafe. Sie wurde Anfang der 80er Jahre Aufgrund ihrer politischen Tätigkeit gegen das iranische Mullah-Regime in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Bis 1990 lebte sie als Partisanin im Untergrund, dann gelang ihr die Flucht nach Österreich. Ahadi wurde im Oktober 2007 für ihr Engagement für Menschen- und Frauenrechte in London zur “Säkularistin des Jahres” gewählt.
Aus diesem Anlass wird von Cahit Kaya über die Gründung des Zentralrats der Ex-Muslime in Österreich informiert und über aktuelle Probleme in Zusammenhang mit dem Islam gesprochen.
Anschließend wird Mina Ahadi aus erster Hand über die neuesten Aktivitäten im Iran berichten und für Fragen aller Art zum Thema zur Verfügung stehen.
Weiters wird sprechen: Heinz Oberhummer, Vorsitzender des Zentralrats der Konfessionsfreien
In Astrodicticums Blogpost “Anekdoten sind keine Daten und Religion ist irrational” (Bitte lesen!) bin ich auf folgendes Video gestoßen, das klar vor Augen führt, welche Scheuklappen die Geistergläubigen tragen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Putting Faith in its Place
John Gray propagiert mit diesem Buch zwar nicht explizit die Notwendigkeit einen Staat laizistisch zu gestalten, aber er führt diese dennoch klar vor Augen. Deswegen gibt es an dieser Stelle einmal eine Buchrezension.
John Gray: Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt
(Klett-Cotta)
Ist der Westen legitimiert in einen souveränen Staat, wie den Irak einzumarschieren, um seinen etatistischen Erlösungsmythos einer liberalen Demokratie mit Gewalt zu exportieren?
Punkto Titel und v. a. Untertitel hat sich die Übersetzung etwas zu weit vorgewagt: “Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia” heißt es im Original und v. a. der letzte Teil bringt zum Ausdruck worum es Gray tatsächlich geht, nämlich nicht vorzuführen, dass Religion die Politik zur Apokalypse treibt, geschweige denn Religionskritik an sich zu üben, sondern zu zeigen, dass politische Utopien an ihr Ende gelangt sind. Als Ursprung der modernen, politischen Utopien, vom Historischen Materialismus zum Neoliberalismus und neokonservativen Ideologien benennt er den neutestamentlichen, christlichen Endzeitmythos (laut Gray ein fragwürdiges Geschenk des Christentums), der sich nach der Aufklärung in säkularer Tarnung wiederholt und in den Politreligionen des 20. Jahrhunderts (Nationalsozialismus, Stalinismus, Maoismus) gipfelt. Mit dem Irakkrieg (Bush: “Gott befahl mir…”) und dem Versuch eines v. a. amerikanischen Imperialismus liberale Demokratie mit Gewalt über die Welt zu verbreiten sieht er den Tod der Utopie gekommen.
Grays Beweisführung ist in sich schlüssig, allerdings so umfassend, dass er praktisch alles und jeden attackiert und moderne Philosophie entweder als grobschlächtig, naiv, mindestens aber als utopistisch verblendet brandmarkt. Auch säkulare Staatsführung und humanistisches Denken bezögen sich letztendlich nur darauf, was sie ablehnen oder hingen Erlösungsgedanken in anderer Form an. Sein Gegenentwurf eines pragmatischen, unteleologischen Realismus kommt über eine kurze Skizze in seiner sonst klaren Analyse nicht hinaus. (Niko Alm)